Ein Plädoyer für mehr Solidarität mit den Armen

Badische Zeitung vom 16.11.2000

Bischof Jacques Gaillot lebt den Geist des Evangeliums täglich vor / Mehrere hundert Zuhörer füllen die Kirche in Hinterzarten

HOCHSCHWARZWALD (ma).Zu einem eindrucksvollen Plädoyer für mehr Solidarität mit den Armen geriet der Auftritt von Bischof Jacques Gaillot in der katholischen Kirche »Maria in der Zarten« in Hinterzarten am Freitagabend. Vor mehreren hundert Besuchern aus dem Hochschwarzwald, der Schweiz und Frankreich verkündete der 65-jährige Geistliche seine Vorstellung von der Umsetzung des Evangeliums: »Wer versucht, die Heilsbotschaft von Jesus zu leben und dabei nie Widerspruch erntet, der macht etwas falsch.«
Der 1935 in Saint-Didier/Haute-Marne geborene Sohn eines Weinhändlers wurde während seines Militärdienstes in Algerien mit den sinnlosen Gewalttaten des Kriegs konfrontiert. Diese Erfahrung führte bei ihm zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Gewaltlosigkeit. Er absolvierte die klassische Ausbildung mit Theologiestudium, Priesterweihe 1961, Ernennung zum Generalvikar der Diözese Langres 1977, Wahl zum Kapitularvikar 1981 sowie Ernennung zum Bischof von Evreux/Normandie 1982. Ein Jahr später unterstützte Gaillot vor Gericht in der 50000-Einwohner-Stadt Evreux einen jungen Mann, der aus Gewissensgründen den Militärdienst verweigert hatte. Fortan bezog er Stellung gegen Atomwaffen, zum Golfkrieg, zur Todesstrafe. Seine Gegnerschaft formierte sich und forderte von Rom seine Absetzung. 1995 stürzte die »Guillotine herunter«: am Freitag, 13. Januar, wird Gaillot als Bischof von Evreux abberufen und zum Bischof von Partenia herufen. Partenia befand sich zur Zeit des heiligen Augustinus (4. Jahrhundert) in den Hochebenen des heutigen Algeriens. Da Partenia seit dem 5. Jahrhundert praktisch nicht mehr existiert, wird es zum Symbol all derer, die in der Kirche das Gefühl haben, nicht mehr zu existieren.
Jacques Gaillot wird zum Bischof »auf eine andere Art«. Mit Leidenschaft trägt er das Evangelium in die Welt hinaus, findet viel Zustimmung in der Bevölkerung. Est der Mut zum Risiko, zum Wagnis, nicht von außen geliebt zu werden und auf Widerstand zu stoßen, mache es möglich, dass Christen die Botschaft der Nächstenliebe leben. In Paris setzt sich Gaillot für alle ein: Ausländer, obdachlose Familien, junge Arbeitslose. Im Mai 2000 erkennen die französischen Bischöfe seine Arbeit an. Gaillot lebt weiter in bescheidensten Verhältnissen in der Arme-Leute-Gegend der französischen Hauptstadt. Er überzeugt, weil er nicht nur über dieses problematische Dasein redet, sondern es lebt.
Bescheiden, freundlich, rhetorisch gewandt, immer wieder seine Worte mit kleinen Geschichten und Anekdoten unterstreichend, zog der französische Geistliche die Besucher in seinen Bann. Wer einen beinharten Revolutionär erwartet hat, wurde enttäuscht. Gaillots Botschaft ist verblüffend einfach: Er verpflichtet die Christen auf das Evangelium. Arm seien alle, »die keinen Platz in der Gesellschaft finden, ungerecht behandelt werden«. Vorwiegend treffe dies zwar Nicht-Europäer oder Zigeuner, die ihre Grundrechte nicht wahrnehmen können, für Behörden mangels Papieren oft nicht einmal existent seien: »Aber auch die,von der Liebe ausgeschlossenen Menschen aus unserer Religion befinden sich in großer seelischer Not.« Erschreckend sei die hohe Zahl der Suizide, insbesondere bei jüngeren Menschen: »Wie viel Einsamkeit steckt dahinter.« Gaillot erzählte von Begegnungen in Gefängnissen von hungernden Afrikanern: »Wir müssen persönliche Beziehungen aufbauen. Wenn der Fremde kein Gesicht hat, ist es schwer, ihn zu verstehen und sich ihm zuzuwenden.« Diese Kontakte aufbauen könne jeder, es sei aber eine Aufgabe der Kirche: »Wer die Hand eines Armen hält, verlässt das Evangelium nicht.« Organisiert wurde der Abend von der ökumenischen Erwachsenenbildung Hochschwarzwald mit dem Vorsitzenden Günter Kranzfelder sowie von der ökumenischen Kurseelsorge Hinterzarten mit Pfarrer Thomas Pospischil. Bravourös löste Dolmetscherin Elke Mildner aus Rottenburg ihre Aufgabe und vermittelte gekonnt den Geist der Botschaft des französischen Bischofs. Mit Spenden dankten viele Kirchenbesucher den Organisatoren für diesen Abend.

Anmerkung: Anders als dem Bericht möglicher Weise zu entnehmen sein könnte, wurden die Spendengelder für die Arbeit von Bischof Gaillot verwendet.